Nextcloud: Europas Antwort auf Microsoft 365?
Blog | Digital Autonomy
Nextcloud wird zunehmend als europäische Alternative zu Microsoft 365 genannt. Die deutsche Open-Source-Plattform bietet Dateispeicherung, Dokumentenbearbeitung, E-Mail, Kalender, Chat und Videotelefonie – viele der Anwendungen, für die Organisationen heute von Microsoft abhängig sind. Der entscheidende Unterschied? Nextcloud kann an einem Standort und bei einem Anbieter gehostet werden, den die Organisation selbst auswählt. Dadurch behält sie mehr Kontrolle über ihre Daten, ihre Infrastruktur und den Rechtsraum, dem diese Daten unterliegen.
Diese Kontrolle wird immer wichtiger. Europäische Behörden, Schulen, Gesundheitseinrichtungen und Unternehmen sind in hohem Maße von der Technologie einiger weniger US-amerikanischer Anbieter abhängig. Unsere Dokumente, unsere Kommunikation, Mitarbeiterdaten und zunehmend auch unsere KI-Anwendungen befinden sich in Ökosystemen, auf die wir selbst nur begrenzten Einfluss haben.
Jos Poortvliet, Mitgründer von Nextcloud, brachte es in einem Interview mit Tweakers auf den Punkt: Wenn ein Unternehmen mit rund 160 Mitarbeitenden und einer Open-Source-Community als Europas Antwort auf amerikanische Technologiekonzerne mit Hunderttausenden Beschäftigten gilt, dann hat Europa „gewaltig geschlafen“.
Ein grundlegend anderes Cloud-Modell
Nextcloud ist kein traditioneller Cloud-Anbieter. Das Unternehmen entwickelt eine Open-Source-Plattform, die Organisationen selbst oder über einen Hostingpartner ihrer Wahl betreiben können. Nextcloud verdient sein Geld hauptsächlich mit Support- und Serviceverträgen für größere Organisationen und Behörden.
Gerade dieses Modell trägt dazu bei, die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter zu verringern. Erfüllt ein Hostingpartner die Anforderungen nicht mehr, kann eine Organisation ihre Nextcloud-Umgebung zu einem anderen Anbieter verlagern. Bei großen Datenmengen kann das eine komplexe Aufgabe sein – technisch bleibt diese Möglichkeit jedoch bestehen.
Auch wenn Nextcloud selbst eines Tages nicht mehr existieren sollte, bleibt der Quellcode verfügbar. Die Software wird nicht nur vom Unternehmen, sondern auch von einer internationalen Community und kommerziellen Partnern weiterentwickelt. Nextcloud versteht sich daher eher als Wegbereiter eines Ökosystems denn als Eigentümer eines geschlossenen Produkts.
Gefangen in der Microsoft-365-Falle
Das bedeutet nicht, dass Nextcloud Microsoft 365 problemlos eins zu eins ersetzen kann. Microsoft hat ein umfassendes Ökosystem aufgebaut, in dem Dokumente, Benutzerkonten, Anwendungen, Metadaten und Arbeitsprozesse eng miteinander verknüpft sind.
Poortvliet spricht im Interview von der „Microsoft-365-Falle“. Je tiefer Organisationen in diesem Ökosystem verankert sind, desto schwieriger wird der Ausstieg. Ein Wechsel beginnt meist mit einer Untersuchung und einem Proof of Concept, gefolgt von einem Pilotprojekt, einem Vergabeverfahren und einer schrittweisen Implementierung. Ein solcher Prozess kann Jahre dauern.
Darüber hinaus bietet Nextcloud noch nicht in allen Bereichen dieselben Möglichkeiten wie Microsoft 365. Das Unternehmen räumt beispielsweise ein, dass bei bestimmten Compliance-Anforderungen noch weitere Schritte notwendig sind – etwa bei Aufbewahrungsfristen und der nachweislich unveränderbaren Speicherung von Unterlagen.
Europäische digitale Autonomie verlangt daher keine unkritische Begeisterung für jede europäische Alternative. Auch europäische und Open-Source-Lösungen müssen hinsichtlich Sicherheit, Kontinuität, Funktionalität, Benutzerfreundlichkeit und Compliance bewertet werden
Mehr zum Thema digitale Autonomie und Vertrauen
Datensouveränität versus Datenresidenz: Was ist der Unterschied? Warum der Speicherort deiner Daten nur einen Teil der Geschichte erzählt.
Europa, wach auf: Trump verspeist eure KI-Daten zum Frühstück Über Geopolitik, amerikanische Technologiekonzerne und die Verwundbarkeit europäischer Daten.
Wir vertrauen der KI unsere Daten an. Aber wie klug ist das? Welche Risiken entstehen, wenn Organisationen sensible Informationen KI-Systemen anvertrauen?
Schütze deinen digitalen Arbeitsplatz mit Multi-Faktor-Authentifizierung Eine praktische Sicherheitsmaßnahme, die unbefugten Zugriff erheblich erschwert.
Mehr als nur Datenspeicherung in Europa
Digitale Souveränität wird häufig auf die Frage reduziert, wo Daten gespeichert werden. Doch ein europäisches Rechenzentrum macht eine Lösung nicht automatisch europäisch oder souverän. Der Eigentümer der Technologie kann weiterhin außereuropäischem Recht unterliegen. Auch Unterauftragsverarbeiter, technische Schnittstellen und KI-Dienste können Daten außerhalb der gewünschten Umgebung verarbeiten.
Nextcloud in der Praxis
Wie ein solcher Wechsel aussehen kann, zeigt Mecklenburg-Vorpommern. Das Bundesland ersetzt Microsoft SharePoint schrittweise durch eine selbst betriebene Nextcloud-Plattform. Rund 5.000 Beschäftigte nutzen sie bereits; langfristig soll sie mehr als 50.000 Mitarbeitenden im öffentlichen Dienst zur Verfügung stehen.
Deshalb solltest du genauer hinschauen: Wer kontrolliert deine Infrastruktur? Welchem Recht unterliegt der Anbieter? Wer kann auf deine Daten zugreifen? Welche Unterauftragsverarbeiter sind beteiligt? Kannst du den Anbieter wechseln und deine Informationen mitnehmen? Und kannst du selbst bestimmen, welche KI-Modelle deine Daten verarbeiten?
Nextcloud bietet beispielsweise eine KI-Ebene, bei der Organisationen das zugrunde liegende Sprachmodell selbst auswählen können. Das kann ein externer Dienst oder ein lokal betriebenes Open-Source-Modell sein. Die Entscheidung bleibt damit bei der Organisation.
So blickt Fellow Digitals auf digitale Souveränität
Wie beurteilt Fellow Digitals digitale Souveränität, europäisches Hosting und Vertrauen? Wir haben Rick Tigelaar, COO von Fellow Digitals, gefragt.
Wie stellt Fellow Digitals die Kontrolle über Daten sicher?
Rick: „Unsere Lösungen sind built in Europe und werden vollständig innerhalb der Europäischen Union gehostet. Darüber hinaus arbeiten wir nach international anerkannten Standards, darunter ISO 27001, ISO 27701 und NEN 7510. In unserem Trust Center zeigen wir transparent, welche Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen wir anwenden, welche Audits durchgeführt werden und mit welchen Unterauftragsverarbeitern wir zusammenarbeiten.“
Reichen Zertifizierungen und europäisches Hosting aus, um Vertrauen zu schaffen?
„Nein, sie bilden eine wichtige Grundlage, aber Vertrauen erfordert mehr“, sagt Rick. „Organisationen müssen nachvollziehen können, welche Entscheidungen ein Anbieter trifft, welche Abhängigkeiten bestehen und wie Risiken gesteuert werden. Als Kunde solltest du nicht nur hören, dass deine Daten sicher sind. Du solltest auch sehen können, wie diese Sicherheit organisiert, kontrolliert und kontinuierlich verbessert wird.“
Sollten Organisationen dann so schnell wie möglich auf amerikanische Technologie verzichten?
„Das wäre zu einfach gedacht. Viele Organisationen sind stark von amerikanischen Plattformen abhängig und können sie nicht von heute auf morgen ersetzen. Sie sollten aber wissen, wo ihre wichtigsten digitalen Abhängigkeiten liegen. Welche Daten sind geschäftskritisch? Wo werden sie gespeichert? Welche Anbieter und Rechtsräume sind beteiligt? Können wir bei Bedarf wechseln? Und behalten wir letztlich genügend Kontrolle? Digitale Souveränität beginnt damit, diese Fragen zu stellen.“
Von der Vision zur Praxis: Fellow Digitals integriert Nextcloud
Fellow Digitals glaubt nicht nur an die Weiterentwicklung von Nextcloud, sondern hat inzwischen auch eine Integration mit der Plattform entwickelt. Doch welchen konkreten Nutzen bringt diese Integration Organisationen und ihren Mitarbeitenden? CTO Marc Leidner erklärt:
„Fellow Intranet und Fellow LMS lassen sich ähnlich wie Microsoft 365 in Nextcloud integrieren. Dazu gehören der Zugriff auf Dokumente, die Integration von E-Mail und Kalender, die automatisierte Benutzerbereitstellung sowie Single Sign-on. Die Integration ist weitgehend fertiggestellt und läuft bereits in einer Testumgebung. Damit bietet die Kombination aus Fellow Digitals und Nextcloud Organisationen eine vollwertige, digital souveräne europäische Alternative zu den bekannten amerikanischen Plattformen.“
Kontrolle beginnt mit Wahlfreiheit
Nextcloud kann Microsoft 365 noch nicht in jeder Situation vollständig ersetzen. Die Plattform zeigt jedoch, dass ernst zu nehmende europäische Alternativen möglich sind. Fellow Digitals glaubt an diese Entwicklung und bringt diese Vision mit der Nextcloud-Integration auch praktisch näher. Denn digitale Souveränität beginnt damit, deine Abhängigkeiten zu verstehen – und die Freiheit zu haben, tatsächlich eine andere Wahl zu treffen.
Wir freuen uns, unser Wissen mit dir zu teilen
Weitere Blogs